Historisch belegte Beiträge über das Zeitalter des Klebens

Spätestens nach der Vertreibung aus dem Paradies suchte der Mensch einen Weg, die ihm aufgebürdete Arbeit leichter und rationeller zu gestalten.

Er suchte - wenn auch vielleicht unbewusst - nach Klebstoff; denn was er auch fand, was er auch entwickelte, irgend etwas musste er immer miteinander verbinden, sei es durch einfaches Ineinanderfügen, durch Verzahnen, Nageln oder eben Kleben. Von allen Möglichkeiten schien ihm das Kleben die einfachste, schnellste und doch sicherste Methode zu sein; denn die Urbevölkerung benutzte bereits Naturklebstoffe, wie Blut, Eiweiß und Baumharz.

Schon 4000 v. Chr. verwendeten die Mesopotamier Asphalt zu Bauzwecken, und rund 1000 Jahre später kannten die Sumerer das Herstellen von Leim aus tierischen Häuten. Sie nannten diesen Leim "SE.GIN". Etwa um 1500 v. Chr. nahmen die Ägypter tierische Leime für Furnierarbeiten. Zeuge davon ist eine Tafel Hautleim, die im Grab des Königs Tut-Anch-Amun - er lebte etwa um 1350 v. Chr. - gefunden wurde.

In der Sammlung der Gesetze und religiösen Überlieferungen des nachbiblischen Judentums, dem Talmud, wird erwähnt, dass die Israelis der damaligen Zeit bereits Casein als Bindemittel für Pigmente benutzten. Schließlich aber behaupteten die Hellenen, dass Dädalus - Erbauer des Labyrinths von Kreta - der Erfinder des Leims gewesen sei.

Fest steht, dass es im alten Griechenland bereits den Beruf des Leimsieders - Kellepsos - gab und das Wort "Kolla" (Leim) heute noch gebraucht wird. Die Römer nannten ihren Leim "Glutinum".

Von der ersten Leimfabrik wird aus Holland berichtet; sie wurde dort 1690 gegründet, während das erste Patent auf einen Fischleim 1754 in England erteilt wurde. Den ersten gebrauchsfertigen Pflanzenleim erfand 1889 Ferdinand Sichel. Das Zeitalter der Klebstoffe auf Basis synthetisch hergestellter Rohstoffe begann aber erst 1909, als Baekeland ein Verfahren zur Phenolharz-Härtung zum Patent anmeldete.

Der bis heute für die Klebstoffherstellung meist verwendete synthetische Rohstoff, das Polyvinylacetat, wurde 1914 von Rollett und Klatte patentiert; kommerzielle Bedeutung bekam es aber erst in den 20er Jahren. Seit 1919 kennen wir das Harnstoffharz, obwohl es für Leime erst eingesetzt werden konnte, als 1929 ein Verfahren zu deren Härtung entwickelt wurde. In den 30er Jahren erschienen Carboxymethyl- und Methylcellulose als Malerleime und Tapetenkleister auf dem Markt. 1931 publizierte Carothers seine Arbeiten zur Herstellung von Polychlorbutadien.

Seine Marktbedeutung für Klebstoffe erlangte dieser Rohstoff ebenso wie die 1937 von Bayer patentierten Polyurethane durch Weiterentwicklungen in den 50er und 60er Jahren. Als 1960 die Produktion von anaeroben und Cyanacrylat-Klebstoffen aufgenommen wurde, gelang der Klebstoffindustrie ein entscheidender Durchbruch im Bereich der Metall- und Kunststoffverbindungen.

"Nur" gut 6000 Jahre hat die Menschheit also gebraucht, um von den ersten Klebversuchen zur Perfektion der Klebtechnik von heute zu kommen.


Dem "Lexikon der Steinzeit", Verfasser Emil Hoffmann, erschienen bei C.H. Beck, München, haben wir die folgenden Passagen entnommen:
Holzteer
Teergewinnung aus verschiedenen Holzarten wie Birke, Kiefer u.a. ist seit dem Paläölithikum bekannt. Die Verbrennung von herzreichen Hölzern bei gedrosselter Luftzufuhr läßt Holzkohlenteer herausschmelzen. Die Verklebung von Klingeneinsätzen bei Schäftungen, z.B. bei Speeren, Pfeilen und Messern, hielt selbst starken Beanspruchungen stand. In Königsaue in Sachsen-Anhalt wurde Holzteer als Schäftungsmittel gefunden, der auf 55 000 Jahre v.h. datiert wurde. Aber auch Birkensaft und Kiefernharz wurden zum Festkitten genommen.
Bitumen
Dieses Material wurde in Mesopotamien vor 7 000 Jahren als Bindemittel bei Bauwerken und später bei Mosaiken als Klebstoff verwendet.

Harz
Baumharze wurden direkt oder erwärmt als Klebstoff benutzt.

Leim
Unmittelbar in der Nähe des Berges von Sodom, am Westufer des Toten Meeres, wurde in einem Felsen am Wadi des Nachal Chemar, eine Höhle mit einem Vorrat schwarzer Substanz entdeckt, von der die Forscher zunächst annahmen, es sei Asphalt. Chemische Analysen ergaben aber Kollagen (ein Eiweiß, das sich in Knochen, Bindegewebe, Sehnen und Knorpel befindet). Eine Strukturanalyse des Fundmaterials unter dem Elektronenmikroskop lässt vermuten, dass es aus Tierhaut gewonnen war. Unklar blieb jedoch, auf welche Weise der Klebstoff hergestellt wurde. Verwendet wurde der Klebstoff als Schutzschicht auf Seilkörben, bestickten Stoffen sowie als Dekoration auf Schädeln Verstorbener. Als Schäftungsmittel diente er zum Verbinden verschiedener Geräte und Werkzeuge. Das Alter des Klebstoffes wird auf mehr als 8 000 Jahre datiert ("Die Welt", 19.11.97).


Dem allumfassenden Werk von Eduardo Schindel-Bidinelli (Hrsg.) - "Kleben" - haben wir den folgenden Textauszug von Verfasser W. Brockmann, AWOK Universität Kaiserslautern/D, entnommen:
Die Klebtechnik ist wahrscheinlich älter als das Löten, was durch Funde allerdings nicht belegt ist, da organische Werkstoffe, beispielsweise eben die Leime, den Lauf der Zeiten nicht überstanden haben oder besonders günstige Umstände brauchten, um es zu tun. Wir verfügen über eine Widderstatue aus Holz aus der Stadt Ur, die vor etwa 5 000 Jahren angefertigt worden ist und auf der eine Goldschicht sitzt, die mit Asphalt befestigt worden ist. Eine Leimtafel aus der Felskammer oberhalb des Totentempels der Hatchesput in Der-el-bahri in Ägypten, die man in den 20er Jahren unseres Jahrhunderts fand, war etwa 3 500 Jahre alt und zeigte gleiches Verhalten wie der Hautleim der 20er Jahre. Die viel zitierte Geschichte von Dädalus und Ikarus, die etwa auf 2 000 v. Chr. zu datieren ist, wollen wir hier nicht bemühen, vielmehr einen späteren Autor, nämlich Gaius Secundus Plinius den älteren, der 79 n. Chr. beim Vesuvausbruch in Pompeji umkam und kurz vorher sein berühmtes Buch zur Naturgeschichte geschrieben hatte.
Darin berichtet er u.a. über die Türen des Tempels der Diana in Ephesus, den, wie wir alle auf der Schule gelernt haben, Herostratos angesteckt hatte, um unsterblich zu werden, was ihm ja auch gelang. Dieser Tempel war bis zum Jahre 324 v. Chr., d.h. 32 Jahre nach der Untat noch prächtiger wieder hergestellt worden und seine Türen waren zu der Zeit, als Plinius, der nachweisbar viel gereist ist, sie besichtigte - also ebenfalls schon wieder 400 Jahre alt. Plinius stellt fest, dass diese Türen "wie neu" waren, wobei er sorgfältigerweise vermerkt, "dass die Türflügel 4 Jahre in der Leimzwinge gestanden haben". Sorgfalt und Geduld lohnte sich also damals schon bei der Anwendung der Klebtechnik.